Erste fliegerische Ereignisse in Verden

Wenn heute jeder ein Flugzeug, einen Ballon oder einen Hubschrauber sehen und auf dem Flugplatz besichtigen kann, so ist das für uns Verdener eine Selbstverständlichkeit und nicht einmal mehr so aufregend; nicht so, wie vor über 100 Jahren. Man hatte zwar schon davon gehört, dass am 21. November 1783 in Frankreich eine Montgolfiere in den Himmel aufgestiegen sei. Auch war in den Zeitungen von der Sensation berichtet worden, dass schon zuvor Otto Lilienthal als Erster seit 1891 bei Berlin Gleitflüge unternommen hatte.

Oder dass in Amerika die von einer deutschen Mutter abstammenden Gebrüder Wright am 17. Dezember 1903 mit Motorkraft von 24 PS in 12 Sekunden eine kurze Strecke von 50 Metern Länge in einer selbstgebauten „Flugmaschine“ – wie damals die Flugzeuge genannt wurden – durch die Luft zurückgelegt haben.

Solche sensationellen Ereignisse über Fernsehen zu vermitteln, war ja noch nicht möglich. So war es für die Verdener Bevölkerung eine Riesen-Attraktion, als im Jahr 1903 Hauptmann von Krosigk vom Hof der damaligen Gasanstalt mit einem Freiballon aufstieg. Das Verdener Anzeigenblatt berichtete damals, dass mehrere tausend Menschen aus Stadt und Land den Aufstieg des Ballons verfolgt haben, der dann nach mehrstündiger Fahrt im Rheinland gelandet war. An dieser Stelle sei bemerkt, dass man unterscheidet zwischen Ballonen und Luftschiffen einerseits, beide leichter als Luft und Fluggeräten, die schwerer als Luft sind. Die ersteren fahren, die anderen fliegen. Nach dem Ballonaufstieg hat es dann acht Jahre gedauert, bis man in Verden ein Flugzeug zu sehen bekam.

Es war im Jahr 1911, als auf der damaligen Weide zwischen der Großhutberger Straße und dem Höhnischer Heckenweg ein Doppeldecker notlanden musste. Als am nächsten Morgen der Motorschaden behoben war – zur Bewachung der „Flugmaschine“ über Nacht waren Soldaten der Verdener Garnision abgestellt worden – startete der „Albatros“ – Doppeldecker mit Oberleutnant Mackenthun am Steuer und seinem Begleiter Leutnant Erler. Bei Jung und Alt wuchs indessen das Interesse an allem, was mit Fliegerei und Luftschifffahrt zusammenhing, denn inzwischen hatte auch Graf Zeppelin mit seinen Luftschifffahrten die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gelenkt.

Um alle Gebiete der Luftfahrt, nämlich Flugwesen, Ballon- und Luftschifffahrt zu unterstützen, war ganz Deutschland zur National-Flugspende aufgerufen. Das war im Jahr 1912 und überall fanden sich Sammler bereit, für die in die Zukunft weisende Sache zu werben. Sie wurden hinterher für ihren Einsatz mit einer Medaille am schwarz-weiß-roten Band ausgezeichnet.

 

Als in der Turnhalle des Domgymnasiums eine Schauvorführung von Modellflugzeugen veranstaltet worden war, begannen Schüler statt eines Drachens Modellflugzeuge zu basteln und zwar nach dem Muster „Farman“, „Harlan“, „Otto“ und sogar eine „Rumpler-Taube“. Schließlich versuchten sich die Jungen auch an Flugmodellen. (Ein Modellflugzeug ist die Nachbildung eines Flugzeuges, ein Flugmodell ist ein flugfähiges Kleinstflugzeug). Der erste „Wettbewerb“, wenn man diesen Begriff für eine Spielerei im Jugendalter anwenden darf, wurde von dem Tertianer Franz Behrmann, dessen Vater am Johanniswall eine Kohlenhandlung besaß und seinen Mitschülern Schmidt und Vonberg durchgeführt. In einer Schilderung, die in der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Verdener Luftfahrt-Vereines später veröffentlicht wurde, erinnert sich Behrmann:

 

„Flugzeuglandung auf der Wiese bei Hönisch – Albatrosdoppeldecker – Besatzung Oberlt, Mackenthun und Lt. Erler. Der Himmel hatte auch nach Verden seinen ersten knatternden Stahlvogel gesandt. Es war die Zeit unserer unbekümmerten Tertianerjahre auf der hiesigen Penne. Schon seit zwei oder drei Jahren bastelte ich mit interessierten Klassenkameraden namens Schmidt und Vonberg eirig an Nachahmungen der damals bekanntesten Typen wie Farman-, Harlan-, Otto-Doppeldecker und einer Rumpler-Taube. Kleinere Preisgleitflugwettbewerbe vom hohen Hausbodenfenster herab zeigten gut vergleichbar die erreichten Leistungen. Während der Schulunterrichtsstunden tags darauf selbstverfasste Presseberichte über die stattgefundenen Konkurrenzen fanden nie das Verständnis unserer damaligen Mathematikprofessors Eberhardt: „Jo, Jo, ihr solltet man lieber Eure Nasen in die Algebra stecken“.

 

Gummimotore waren unsere Antriebsquellen. Hangwinde, Thermalströmungen, Stromlinienform und alle die anderen schönen Begriffe der heutigen Zeit waren für uns noch nicht entdeckt. Es ging auch so, doch es gab viel Kleinholz. Aber unentmutigt entstanden immer größere, immer schönere, immer bessere Modelle. Zeitweise schwebten unter der Decke meiner Pennälerbude im Elternhaus sechs bis acht solcher Modelle aus Holz, Papier und Leim. Selbst eine mit 14 Apparaten beschickte Modellschau in zwei Fenstern der Müssigschen Buchhandlung auf der Großen Straße machte von uns reden und die Öffentlichkeit auf den Anbruch eines neuen Zeitalters aufmerksam. Manches Lob fiel ab, aber auch manches Lächeln ob dieser „Spielerei“ musste zur Kenntnis genommen werden. Trotzdem wollten wir mehr und „höher“ hinaus. Der Kanal- und Rükkenflieger Pégoud und Gustav Tweer auf „Grade“-Einsitzer waren unsere Jugendideale. Bescheidene, aber glückliche Zeiten. Der Plan zum Bau eines Segelfliegers wurde gefasst. Geldnot zwang uns zu einem Sechserzusammenschluss. Er bestand aus meinen Mitschülern Grimm, B. und H. Oelfcken, Rösing, Rüppel und Franz Behrmann. Die baulichen Unterlagen lieferte der „ Gute Kamerad“ oder „Das Neue Universum“. Es war ein Hängegleiter mit einer Nutztragfläche von insgesamt 33 quadratmeter. Das Material war Kiefernholz für Holme und Doppelrippen, als Bespannung diente weiße Grüneberger Hemdentuch. Die Spanndrähte waren verzinkter Eisendraht. Leim und Nägel hielten das Ganze zusammen. Bauplatz war der zweite Boden des großen Oelfckenschen Lagerschuppens dessen Winde zur Beförderung des Baumaterials diente. Oelfckens und Rösing besorgten das Grüneberger Hemdentuch und lösten die Nachnahme prompt ein. Wir anderen drei wollten die geldliche Last des Holzes auf uns nehmen. Von einem Verdener Sägewerk erstanden wir die nach unseren Angaben zugeschnitten und säuberlich gehobelten Leisten und Spanten – und haben dafür wohl in Anerkennung unsere kühne Pioniertat nie eine Rechnung bekommen. Dafür sollte man heute nach 45 Jahren (stand. 1977) noch einmal Dank sagen! Alle anderen kleineren Zutaten kamen so „nebenbei“.

In den Pfingstferien des Jahres 1912 wurden die Rippen in wohlprofilierten Spannformen auf Kiel gelegt. Als dann zu Beginn der großen Sommerferien der erste Schrecken über unsere erklärlich schlechten Zeugnisse überwunden war, stand auch unser Sechservogel in allen Teilen gelungen und formschön, spreizbeinig ohne Räder und Landesporn vor uns. Sorgsam wurden die einzelnen Teile erdwärts auf einen Ackerwagen (Autos waren eine Seltenheit) verladen und am Frühnachmittag des zweiten Ferientages brackerte unsere kostbare Last einspännig von Lilly Oelfckens kundiger Hand gelenkt über die Ludwigstraße und die Sandwege des Bürgerparks in die Dünen auf den „Schäferberg“. Passanten sahen uns kopfschüttelnd nach! Montage, Verspannen, Auslosung für den ersten „Flug“ nahm einige Zeit in Anspruch. Wer von uns sollte sein junges Leben zuerst riskieren? Sanitäter hatten wir nicht angefordert. Man hätte uns auch vielleicht ausgelacht. Jugendliche Unbekümmertheit kannte keine Gefahren. Das Los traf B. Oelfcken. Sein leichtes Gewicht ließ einigen Erfolg erhoffen. Es sei noch bemerkt, dass die Steuerung des Vogels nur durch Schwerpunktverlagerung möglich war. Kurven sollten durch Seitwärtsschwenken der Beine erreicht werden, Steigen durch Rückschwingen, Landen durch Vorschwingen derselben. Im Übrigen hing der „Pilot“ im Achselstütz zwischen den Holmen etwas hinter dem Spannturm im Schwerpunkt des Apparates.

Letzte Unterweisung über Strecke und Ziel, dann Einhängen in die Holme, ein kräftiges Luftholen und schon braust Bernhard mit weiten Schritten hangabwärts gegen eine leichte Stoßbrise in Richtung auf den Grünen Jäger. Gür wenige Augenblicke hängt unser weißer Vogel plötzlich in der Luft, steht still und dann von einer Seitenböe getroffen ohne vorwärtstreibende Kraft kippte er seitlich auf die linke Flügelkante. In seiner ganzen Breite steht er Bruchteile von Sekunden kühn aufgebäumt. Bernhard zappelt in den Holmen. Dann sackt das ganze Gebilde knackend zu Boden. Die äußersten beiden Rippen links sind mehrfach gebrochen. Losgerissen flattert und bläht sich die Stoffbespannung aus Grüneberger Hemdentuch im Winde.

Bernhard klettert umständlich aus dem flügellahm gewordenen Vogel. Noch etwas blass will er sich vor Lachen umbringen. Aber die Erde hat ihn wieder.

„Der Boden war plötzlich weg unter mir!“

Unser Vogel hatte also tatsächlich geflogen. Wie hoch, wie weit? Reden wir heute nicht mehr davon. Der Flugtag war damit vorzeitig zu Ende. Nach Hause mochten wir mit dem ramponierten Vogel nicht wieder. Heimlichkeit in dieser ganzen Angelegenheit war das hinreichende Motiv, eine andere Lösung zu suchen. Diese Lösung war der gegenwärtige leere Kuhstall der Worthmannschen Mühle in Neumühlen.

In den Herbstferien sollten die Versuche weitergehen. Die Penne forderte ihr Recht nach aufzubessernder Leistung. Im Herbst waren wir wieder draußen. Aber wie sah jett unser Vogel aus! Er hatte sich im Laufe der einsamen Wochen im Kuhstall auf seinen schneeweißen Schwingen grünlich-schmutzige Spritzer von albernden Kälbern als Tarnfarbe anbringen lassen. Was ahnte auch der Besitzer jenes Kuhstalles von dem hohen Wert unserer so stolzen Arbeit.

Wir nahmen unser gebrechliches Machtwerk sogleich ausgebessert wieder hinaus in die Dünen und rissen es als Drachen mit uns sechs als Vorspannen in die Lüfte empor, bis schließlich der Winddruck gegen die 33 Quadratmeter stärker als wir wurden. Ruckartig müssen wir im Anlauf halten und sehen den Vogel hoch über uns hin und herschwankend ebenfalls nach einem Halt suchen. Dann aber stürzt er sich plötzlich wie ein böser Dämon aus dreißig Metern Höhe auf uns herab. Hinwerfen und Krachen zwischen uns fallen zusammen. Fetzenflatternd zucken die Flügel noch einmal auf, dann hatte das Gebilde aus Menschenhand ausgelitten. Das Drama war zu Ende, kleine Holzkreuze aus Holmteilen und Rippenresten bezeichneten am Spätnachmittag die Stätte im Dünensand, wo es Verdens erster Segelgleiter sein tragisches Ende gefunden hatte. Heute nach 45 Jahren (stand. 1977) wiegen sich die Wipfel schlanker Kiefern über der Stelle, in deren Höhen unser Vogel im Winde geschaukelt und geschwankt hatte. Es bleibt aber die Tatsache bestehen, dass Verdener Jungens schon 1912 allen Schwierigkeiten zum Trotz zu praktischer Tat geschritten waren dem Flugkapitän Loose über die Heimatfluren mitmachen können.“

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